Co-Regulation beginnt nicht beim Kind, sondern bei uns.

„Wir holen das Kind dort ab, wo es steht.“

Wie können wir Kinder dabei unterstützen, ihre Gefühle und ihr Verhalten zunehmend selbst zu regulieren?

Eine Frage, die uns im Kita-Alltag immer wieder begegnet.

Ein Kind ist wütend, ein anderes weint, ein weiteres zieht sich zurück. Manche Kinder reagieren impulsiv, andere wirken plötzlich völlig überfordert. Gerade in solchen Situationen wünschen wir uns häufig, dass Kinder sich „selbst beruhigen“.

Doch Selbstregulation entsteht nicht einfach dadurch, dass wir sie von Kindern erwarten.

Sie entwickelt sich in Beziehung.

Und deshalb beginnt Selbstregulation zunächst nicht beim Kind – sondern bei uns Erwachsenen.

Co-Regulation kommt vor Selbstregulation

Kinder verfügen noch nicht über dieselben Möglichkeiten wie Erwachsene, mit starken Gefühlen und Stress umzugehen.

Wenn ein Kind emotional überfordert ist, braucht es deshalb zunächst einen Erwachsenen, der Sicherheit vermittelt.

Unsere Stimme wird ruhiger.
Unsere Bewegungen werden langsamer.
Wir bleiben präsent.
Wir helfen dem Kind, seine Gefühle auszuhalten, ohne von ihnen überwältigt zu werden.

Das ist Co-Regulation.

Dabei geht es nicht darum, das Gefühl des Kindes schnell „wegzumachen“.

Ein wütendes Kind muss nicht sofort aufhören, wütend zu sein.

Ein trauriges Kind muss nicht sofort aufhören zu weinen.

Und ein ängstliches Kind muss nicht sofort wieder funktionieren.

Vielmehr vermitteln wir:

„Dein Gefühl darf da sein. Ich bin bei dir. Du bist damit nicht allein.“

Aus vielen solchen Erfahrungen kann nach und nach die Fähigkeit entstehen, sich selbst zu regulieren.

Selbstregulation braucht einen regulierten Erwachsenen

Doch genau hier liegt eine besondere Herausforderung für pädagogische Fachkräfte.

Ich kann ein Kind nur dann gut co-regulieren, wenn ich selbst zumindest ausreichend reguliert bin.

Das bedeutet nicht, dass wir immer vollkommen ruhig sein müssen.

Auch Fachkräfte dürfen gestresst, erschöpft oder genervt sein.

Aber wir brauchen die Fähigkeit, unseren eigenen Zustand wahrzunehmen und möglichst handlungsfähig zu bleiben.

Denn Kinder nehmen nicht nur unsere Worte wahr.

Sie nehmen unsere Stimme wahr.
Unsere Körpersprache.
Unser Tempo.
Unsere Anspannung.
Unsere Präsenz.

Ein Satz wie „Jetzt beruhige dich doch endlich!“ vermittelt etwas anderes als ein ruhiges:

„Ich sehe, dass gerade ganz schön viel los ist. Ich bleibe bei dir.“

Deshalb beginnt professionelle Co-Regulation auch mit Selbstfürsorge und Selbstwahrnehmung.

Wie geht es mir gerade?

Was brauche ich, um handlungsfähig zu bleiben?

Bin ich gerade noch in der Lage, Sicherheit zu geben – oder brauche ich selbst einen kurzen Moment?

Diese Fragen gehören für mich genauso zur pädagogischen Professionalität wie das Wissen über kindliche Entwicklung.

Co-Regulation sollte nicht erst im Ernstfall beginnen

Ein weiterer wichtiger Punkt: Wir sollten Selbstregulation nicht erst dann üben, wenn ein Kind bereits völlig aufgewühlt ist.

Wenn wir in einer akuten Stresssituation sagen:

„Jetzt atme doch einmal ganz tief durch.“

kann das zu spät sein.

Regulationsstrategien müssen im Alltag erfahren und eingeübt werden, damit Kinder im entscheidenden Moment darauf zurückgreifen können.

Ein bisschen wie bei einer Feuerübung:

Wir üben nicht erst dann, wenn es tatsächlich brennt.

Routine schafft Handlungssicherheit.

Deshalb können kleine Regulationsangebote ganz selbstverständlich in den Kita-Alltag integriert werden:

  • kurze Atemübungen vor dem Schlafen oder Ruhen
  • kleine Yoga- oder Bewegungseinheiten
  • Momente der Stille
  • Musik und bewusste Körperwahrnehmung
  • feste Rituale und Übergänge
  • Rückzugsmöglichkeiten
  • wiederkehrende Abläufe, die Sicherheit und Vorhersehbarkeit schaffen

Dabei muss aus der Kita kein Entspannungsstudio werden.

Oft sind es gerade die kleinen, regelmäßig wiederkehrenden Momente, die Kindern helfen, ihre eigenen Signale besser wahrzunehmen.

„Was brauche ich, wenn es mir zu viel wird?“

Ein besonders hilfreiches Instrument können individuelle Wohlfühlboxen oder Wohlfühltaschen sein.

Sie werden gemeinsam mit dem Kind zusammengestellt.

Was tut mir gut?

Was erinnert mich an etwas Schönes?

Was hilft mir, wenn ich traurig, wütend, ängstlich oder überfordert bin?

In einer solchen Box könnte beispielsweise liegen:

  • ein kleines T-Shirt oder Tuch von Mama oder Papa
  • Fotos von Zuhause
  • eine kleine Kuscheldecke
  • ein vertrauter Lieblingsgegenstand
  • ein kleines Buch
  • etwas zum Kneten
  • Papier, das zerrissen werden darf, wenn Wut heraus muss
  • ein Gegenstand, der zum bewussten Atmen oder Fühlen einlädt

Entscheidend ist dabei nicht der Inhalt.

Entscheidend ist, dass das Kind die Box kennt und weiß, wie es sie nutzen kann.

Die Box sollte also nicht erst hervorgeholt werden, wenn das Kind bereits völlig außer sich ist.

Das Kind kann vielmehr lernen:

„Wenn mir alles zu viel wird, darf ich mir meine Wohlfühlbox holen.“

Damit entsteht nach und nach ein wichtiger innerer Zusammenhang:

Ich nehme wahr, was in mir passiert – und ich kenne Möglichkeiten, die mir helfen können.

Frühzeitig auf Stresssignale reagieren

Selbstregulation beginnt auch damit, die eigenen Stresssignale überhaupt wahrzunehmen.

Vielleicht wird es einem Kind bei lautem Gruppengeschehen zu viel.

Vielleicht bekommt es ein unangenehmes Gefühl im Bauch.

Vielleicht wird es unruhig, zieht sich zurück oder beginnt, impulsiv zu reagieren.

Wenn wir solche Signale gemeinsam mit dem Kind wahrnehmen und benennen, unterstützen wir es dabei, sich selbst besser kennenzulernen.

Zum Beispiel:

„Ich glaube, gerade wird es dir hier ziemlich laut. Wollen wir schauen, was dir jetzt helfen könnte?“

Damit übernehmen wir nicht die gesamte Regulation für das Kind.

Wir begleiten es dabei, eigene Strategien kennenzulernen.

Genau darin liegt der Übergang von Co-Regulation zu zunehmender Selbstregulation.

Selbstregulation ist kein Gehorsam

Ein wichtiger Unterschied wird dabei manchmal übersehen.

Ein Kind, das still sitzt, nicht weint und tut, was Erwachsene sagen, ist nicht automatisch gut selbstreguliert.

Selbstregulation bedeutet nicht, dass ein Kind möglichst unkompliziert funktioniert.

Es bedeutet vielmehr, zunehmend mit eigenen Gefühlen, Impulsen und Belastungen umgehen zu können.

Dazu gehört auch:

„Ich brauche eine Pause.“

„Das ist mir gerade zu laut.“

„Ich bin wütend.“

„Ich brauche jemanden.“

„Ich möchte mich zurückziehen.“

Wenn Kinder solche Bedürfnisse wahrnehmen und zunehmend angemessen ausdrücken können, ist das ein wichtiger Entwicklungsschritt.

Was wir Kindern mitgeben können

Kinder lernen Selbstregulation nicht durch Aufforderungen wie:

„Beruhig dich.“

„Hör auf zu weinen.“

„Du musst dich jetzt zusammenreißen.“

Sie lernen sie durch wiederholte Erfahrungen:

Da ist jemand, der mich hält, wenn meine Gefühle zu groß werden.

Meine Gefühle sind nicht gefährlich.

Ich darf Hilfe annehmen.

Ich kann lernen, mich selbst besser wahrzunehmen.

Ich habe Möglichkeiten, die mir helfen.

Und irgendwann wird aus dem äußeren Halt zunehmend ein innerer Halt.

Genau das ist der Weg:

Co-Regulation → Erfahrung → eigene Strategien → zunehmende Selbstregulation.

Dabei müssen wir Kinder nicht möglichst schnell unabhängig machen.

Wir dürfen ihnen die Zeit geben, die sie brauchen.

Denn Selbstregulation ist kein Schalter, den man umlegt.

Sie ist eine Fähigkeit, die in Beziehung wächst.

Und vielleicht beginnt unsere wichtigste Aufgabe deshalb nicht mit der Frage:

„Wie bringen wir das Kind dazu, sich selbst zu regulieren?“

Sondern mit einer anderen Frage:

„Wie können wir dem Kind so viel Sicherheit und Beziehung geben, dass es Schritt für Schritt lernen kann, sich selbst zu regulieren?“

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